KALENDER AUSHÄNGESCHILD VON 1960 - 1970
Das graphische Gewerbe hat sich viel zugetraut, hat den Trend als industriellen Aufschwung registriert und trat in vielen Fällen in den sechziger Jahren als Impulsgeber auf. Die Folgen der Kriegslasten rückten immer mehr in den Hintergrund .Neues entstand. Die graphischen Betriebe investierten in verbesserte Fertigungsabläufe und neue Techniken. Fotosatz und Offsetdruck stellten Bleisatz und Hochdruck als »Althergebrachtes« zunächst latent, dann immer deutlicher in Frage.
Schneller, besser, produktiver waren Steigerungsformen, die nicht zuletzt für die Mitarbeiter Konsequenzen nach sich zogen. In dieser durchaus als prosperierend erkannten Zeitphase wurde selbst das gestalterische Moment einem Wandel unterzogen .Die seither vielfach praktizierte Kundenbindung, die Entwurfsarbeiten im Rahmen der Satzabwicklung mit eingeschlossen, kam ins Wanken . Graphiker, Werbebüros und die mit Dominanz auftretenden Werbeagenturen machten ihren Einfluss und vor allem ihre Kreativität geltend. Die graphische Industrie - das Gewerbe mit dem -Habitus des Handwerklichen, galt inzwischen wenig zeitgemäß -hatte das Nachsehen. Sie fand kaum Mittel, diesem Trend -weniger Gestaltung, mehr Technik - entgegenzuwirken. Man fand sich damit ab, dass vielfach zwischen Auftraggeber und Druckerei das Feld der Werbemittler und -berater die Weichen sogar über die Gestaltung einer Drucksache hinaus stellte. Von dieser Verlagerung des Kreativparts blieb die Kalenderproduktion nicht ausgeschlossen. Zwar hielten vorerst einige traditionelle Kalenderenthusiasten an der kaschierten Rückwand mit Malerei aus der Region und dem konfektionierten Tagesabreißblock und mit den schwarz gefärbten Wochentagen fest. Andere wollten nicht klein beigeben und stürzten sich voll Tatendrang ins hauseigene Kalendergeschäft. Das typographische Element durfte mitspielen; das Bildarchiv, sofern vorhanden, wurde nach Kalenderfotos auf den Kopf gestellt.
Ganz mutige Firmenchefs der Druckbranche beauftragten den Graphiker oder gar den Graphik-Designer, doch rechtzeitig mit einer frischen Kalenderidee aufzuwarten. Diese Art der Zusammenarbeit brachte oftmals und bald Früchte, so dass in der zweiten Hälfte zwischen 1960 und 1970die Stuttgarter Kalenderschau mit einer ganzen Reihe von Highlights Zuschauer anlockte. Ausklammern konnte man damals -und diese Beobachtung trifft bis in die Gegenwart zu ?die - anderen -, die üblichen, die Landschafts-, weit verbreiteten und beliebten Kunstkalender (und wie ihre Namen alle lauten) keinesfalls, noch links liegen lassen. Sie bildeten und bilden die Grundausstattung der Kalenderschau. Die Besucher wollen sie sehen, das Fachpublikum darf sie verbal demontieren und der Einsender ist froh, wenn auf diese Weise sein - landläufiger -Kalender als Exponat an der Wand klebt oder gar als wertvolles Stück in der Vitrine für ein paar Wochen Neugierige Kalenderfans anlockt. Herbert Günterberg und der einstige GKS-Vorstand sahen dies in ihren Jahren ganz ähnlich. Sie waren froh, wenn nicht gar stolz, in ihren Ankündigungen und Einladungen von 500 , 600 und mehr eingereichten Kalendern zu sprechen und wussten wohl, nicht alle Drucke mit dem gedruckten Datum verkörpern das Gelbe vorn Ei. Wenn Werbekalender aus allen Kreisen der Industrie (der graphischen mit eingeschlossen) und ein ähnlich umfangreiches Konvolut an Verlagskalendern das LGA-Ausstellungsrund füllen, dann geht es hier tatsächlich um ein Stelldichein vieler Kunstgattungen und -richtungen. Das Fotografische bleibt hierbei keinesfalls auf der Strecke. Der Fotokalender, immer mehr von Farbabbildungen getragen, stellte das andere Gewicht dar. Der in Stuttgart gepflegte und gehegte Siebdruck bringt sich kalendarisch ins Gespräch. Erstmals machen sich 1966 die Vorzüge des Fotosatzes (Diatype und Starsettograph) unter der Obhut des Setzers und Dozenten an der Höheren Fachschule für das graphische Gewerbe KLAUS BURKHARD in einem kreativen Rosetten-Kalender bemerkbar . Aufbruchstimmung mit neuen Ausdrucksformen: Der Kalender nimmt an diesen Kapriolen gerne teil. Sehr oft färben solche Experimente - zeitversetzt - auf die Tagesarbeit ab. Wenigstens der ideelle Profit fließt auf ein Konto, das im Kalender Zinsen trägt.



